Gleichstellung ist kein Selbstläufer

Auf dem Foto zu sehen, ein Teil des Netzwerks der oberpfälzer Gleichstellungsbeauftragten, von links nach rechts: (hintere Reihe) Tanja Schmidbauer (GB Landkreis Cham), Susanne Reinhardt (GB Stadt Weiden), Kerstin Urban (GB Landkreises Neustadt a.d. W.), Nadine Gräml (GB Amberg), Dagmar Dehnert (stellv. GB Amberg), (vordere Reihe) Daniela Keller (GB Tirschenreuth), Tüllin Makas (GB Bezirk Oberpfalz), Helga Forster (GB Landkreis Schwandorf). Foto © Schmidbauer

Allein in Deutschland kommt es beinahe täglich zu einem Femizid: Männer töten Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Die Täter stammen meist aus dem engsten Umfeld, überwiegend sind es die Partner und Ex-Partner. In Bayern sind es jährlich fast 50.000 Frauen die Gewalt durch ihr nahes Umfeld erleben, wobei 40 Frauen getötet werden. (Lagebericht Häusliche Gewalt Bayern, 2023) Die Zahlen markieren einen dramatischen Höchststand sexualisierter Gewalt, Tendenz steigend.

Diese Entwicklungen sind keine abstrakten Statistiken. Sie betreffen auch Frauen hier vor Ort, auch in Amberg und im Landkreis Amberg-Sulzbach. Gewalt, Grenzüberschreitungen und strukturelle Benachteiligung machen nicht an Stadt- oder Landkreisgrenzen halt. Viele Fälle bleiben unsichtbar, aus Angst, aus Scham oder weil Betroffene ihre Rechte und Unterstützungsangebote nicht kennen. 

Doch wie kann es so weit kommen? Der Weg dorthin ist ein schleichender Prozess und das Problem ist strukturell: Die stille Akzeptanz von Grenzüberschreitungen, wie übergriffigen Kommentaren oder Erniedrigungen baut auf der Grundlage fest verankerter Rollenbilder und der Abwertung des Weiblichen auf. Dies öffnet den Raum für psychische Gewalt und körperliche Übergriffe. 

Genau diese tief verankerten Strukturen, die sich in sämtlichen Lebenslagen äußern, verdeutlichen die zentrale Bedeutung der Gleichstellungsarbeit. Ihre Aufgabe ist es, die Gleichberechtigung der Geschlechter voranzutreiben. Als Anlaufstellen bieten sie Beratung für Betroffene, vermitteln Hilfsangebote (wie z. B. durch den Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Amberg) und machen auf die strukturelle Benachteiligung aufmerksam. Innerhalb unserer oberpfälzer Behörden sind Gleichstellungsbeauftragte Personalentwicklerinnen, die Chancengleichheit in den Stadt -und Landkreisverwaltungen voranbringen. 

Gleichstellungsbeauftragte sind mit ihren internen und externen Themenschwerpunkten nicht nur ein „Nice-to-have“, sondern ein zentrales Instrument für eine gerechtere Gesellschaft. Kommunale Gleichstellungsbeauftragte sind der Knotenpunkt eines kommunalen Netzwerks aus allen Initiativen, Vereinen und Einrichtungen, die sich mit der Vielfalt an Gleichstellungsthemen auseinandersetzen. Sie fördern in einem hohen Maß die Bündelung von Interessen und vor allem knappe Ressourcen, indem sie Aktive zusammenbringen. Dies gelingt nur durch anhaltendende Präventions- und intensive Netzwerkarbeit unter Anderem zu folgenden Themen:

Care-Arbeit: Unbezahlt, aber systemrelevant

Die Erwartung, dass Frauen sich primär um Haushalt und Kinder kümmern, während Männer Karriere machen, ist tief verwurzelt und wirkt sich auf Berufswahl, Gehalt, Rente und gesellschaftliche Teilhabe aus. Freiwillig oder unfreiwillig leisten sie den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit, von Kinderbetreuung über Pflege von Angehörigen bis hin zur Hausarbeit. Diese Aufgaben bleiben oft unsichtbar und wirken sich negativ auf Karriereverläufe und finanzielle Unabhängigkeit aus. Eine gerechte Verteilung dieser Arbeit, beispielsweise durch bezahlte Vaterschaftszeiten oder steuerliche Entlastungen, wird von Gleichstellungsbeauftragten seit Jahren gefordert. Ohne diese strukturellen Veränderungen bleibt das Risiko der Altersarmut oder die berufliche Benachteiligung bei Frauen hoch.

Gesundheit: Frauen werden übersehen 

Auch im Gesundheitsbereich zeigt sich die strukturelle Benachteiligung: Frauen sind häufiger von psychischer Belastung betroffen, Stichwort Mental Load, doch ihre Beschwerden werden oft nicht ernst genommen. Zudem werden viele medizinische Studien, beispielsweise zu frauenspezifischer Medikation für Menstruationsbeschwerden, noch immer vorrangig an männlichen Probanden durchgeführt. Doch dies betrifft nicht nur Medikationen, sondern auch überlebenswichtige Behandlungen. Dies kann etwa bei Herzinfarkten tödlich sein. Die Symptome bei Frauen unterscheiden sich von denen bei Männern und werden oft nicht richtig erkannt.

Politische Teilhabe: Frauen in der Politik 

Die politische Teilhabe von Frauen ist ein zentraler Baustein für die repräsentative Demokratie. In Bayern ist der Frauenanteil in der Staatsregierung derzeit so niedrig wie seit Langem nicht mehr und auch in der Kommunalpolitik sind Frauen stark unterrepräsentiert. Dies bedeutet, dass wichtige Perspektiven und Anliegen z.B. Jobsharing in politischen Positionen, Teilzeit für Männer in der Care-Arbeit, Gendersensible Stadtentwicklung, Ausbau von Still- und Wickelräumen, Gewalt gegen Frauen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, usw. – oft nicht ausreichend berücksichtigt werden. Eine ausgewogene Repräsentation ist entscheidend, um politische Entscheidungen inklusiv zu gestalten und einen schnelleren gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen. Angesichts der rechtsextremen Tendenzen in der Gesellschaft, die Gleichstellung und Frauenrechte infrage stellen, ist es umso wichtiger, Frauen gezielt zu fördern und ihre politische Beteiligung zu stärken.

Fazit: Gleichstellung ist kein Selbstläufer – auch nicht in Amberg

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Amberg, Nadine Gräml, fasst zusammen: „Solange Personen in Deutschland häusliche, körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt erleben, in einflussnehmenden Bereichen wie Führungspositionen oder Politik unterrepräsentiert sind, finanziell benachteiligt und gesundheitlich übersehen werden, braucht es Menschen, die Missstände benennen und Veränderungen anstoßen. Leider betrifft dies auch im Jahr 2026 weiterhin überwiegend das weibliche Geschlecht, weshalb wir hier weiterhin unseren Fokus setzen. Als Gleichstellungsbeauftragte ist es meine Aufgabe, Missstände zwischen den Geschlechtern festzustellen und genau dort hinzusehen, wo Ungleichheit beginnt und an den Punkten anzusetzen, an denen Veränderung möglich ist. Familienfreundliche Kommunalpolitik ist dabei immer auch Gleichstellungspolitik, denn sie entscheidet ganz konkret über Teilhabe, Chancen und Lebensrealitäten vor Ort. Vielfalt in politischen und gesellschaftlichen Gremien führt zu besseren, lebensnäheren Entscheidungen, für ganz Amberg. Gleichstellungsbeauftragte sind somit kein überholtes Instrument oder Luxus, sondern unverzichtbar für eine gerechte Gesellschaft und eine intakte Demokratie. Sie sind notwendige Knotenpunkte im kommunalen Netzwerk: nah an den Menschen, nah an den Themen und eng vernetzt mit Initiativen, Einrichtungen und Beratungsstellen. Zugleich sind wir Teil des Netzwerks der oberpfälzischen Gleichstellungsbeauftragten und setzen uns gemeinsam dafür ein, Gleichstellung in der gesamten Oberpfalz und darüber hinaus strukturell voranzubringen. Amberg, die Oberpfalz und Bayern sind dann zukunftsfähig, wenn wirklich alle Geschlechter gerechte Chancen haben, in Sicherheit, Gesundheit, Beruf, sozialer und politischer Teilhabe.“

Rechtsgrundlagen 

  • Grundgesetz, Artikel 3

  • Bayerische Verfassung,  Artikel 118 

  • Bayerische Gleichstellunggesetz

Quelle zu den Zahlen in Absatz 1: Gewalt gegen Frauen