700 Jahre Stadtmauer
Ambergs steinerne Geschichte
Seit 1326 prägt die Amberger Stadtmauer das Stadtbild. Was einst Schutz bedeutete, ist heute Wahrzeichen – und erzählt von 700 Jahren Geschichte zwischen Angst, Aufbruch und Identität.
Wir schreiben das Jahr 1326. Amerika wurde noch nicht entdeckt. Bücher wurden noch per Hand geschrieben – der Buchdruck wird erst in gut 120 Jahren erfunden werden. Das macht aber nichts, die meisten Menschen können zu der Zeit sowieso weder lesen noch schreiben. Der Amberger Marktplatz ist noch recht leer – der Baubeginn der Basilika St. Martin lässt noch 33 Jahre auf sich warten. Währenddessen fällt jeder vierte Amberger der Pest zum Opfer.
In einer Zeit, in der fließendes Wasser, Antibiotika oder Zahnbürsten Fremdwörter sind, sah die Work-Life-Balance anders aus als heute. Häuser waren aus Holz gebaut und alles andere als warm. Straßen waren eher kaum befestigte Wege ohne Beleuchtung. Selbst ein Ausflug ins benachbarte Sulzbach glich einer Tagesreise.
Die Gefahren sind real. Feuer, Seuchen, Hunger, Überfälle. Angst und Ungewissheit war kein Ausnahmezustand, sondern Teil des täglichen Lebens. Amberg war damals eine kleine, aber selbstbewusste Stadt. Keine Metropole, kein Randgebiet. Ein wichtiger Ort, der verstanden hatte, dass Holz brennt, Hoffnung vergeht und Stein bleibt.
Ludwig der Bayer – damaliger König und Herrscher - erlaubte den Bau einer Stadtmauer. Eine Investition die bis heute unser Stadtbild prägt – finanziert durch Steuereinnahmen und dem Zoll des Erzbergs. Innerhalb der Mauer sollte Ordnung herrschen, draußen das Ungewisse bleiben. Wer drinnen lebte, lebte immerhin sicherer.
Für uns ist die Amberger Stadtmauer inzwischen alltäglich, selbstverständlich. Im Raketenzeitalter mag sie sogar als nutzlos erscheinen. Doch ohne sie wäre Amberg nicht die Stadt, wie wir sie heute kennen.
Am 2. Mai 1326 – ziemlich genau vor 700 Jahren also dürfte der Bau der Stadtmauer begonnen haben. Doch was heute Zeuge längst vergangener Zeiten ist, war damals eine echte Existenzfrage. Amberg war über die Grenzen der alten Stadtmauer hinaus gewachsen und der Wunsch nach Schutz durch eine Stadtmauer wurde immer wichtiger.
Der Spatenstich beginnt aber nicht etwa mit der Mauer selbst, sondern mit den Stadttoren. Was heute ungewöhnlich wirkt, war damals durchaus praktisch: Die Tore bestimmten die wichtigsten Verkehrsachsen, also die Wege, auf denen Händler, Bauern und Reisende in die Stadt gelangten. Erst wenn klar war, wo das Leben hinein- und hinausfließen sollte, zog man die steinernen Linien dazwischen.
Schon bald entwickelt sich daraus ein beeindruckendes Bauwerk, das im Laufe der Zeit weit über die Grenzen der Stadt Beachtung fand. Die Amberger Stadtmauer erstreckt sich über knapp drei Kilometer und großzügig verteilten Türmen gesichert.
Bis heute gehört sie damit zu den wenigen nahezu vollständig erhaltenen Stadtbefestigungen Europas. Wer entlang der Mauer spaziert, bewegt sich auf den Spuren einer mittelalterlichen Sicherheitsarchitektur, die erstaunlich ausgeklügelt war. Chronist Michael Schweiger schreibt im 16. Jahrhundert sinngemäß: „München ist die schönste, Leipzig die reichste, Amberg die festeste Fürstenstadt des Reiches.“ Ein Satz, der bis heute in der Unterführung am Bahnhof zu lesen ist.
Entgegen mancher Behauptung ist der Stadtgraben nie vollständig mit Wasser geflutet worden. Stattdessen setzen die Amberger auf Höhe, Stärke und Übersicht. Die 97 Türme dienen als Beobachtungsposten, Verteidigungsstellungen und manchmal auch als Lagerraum. Von dort aus können Angreifer früh erkannt – und im Ernstfall sofort reagiert werden.
Mit dem Bau der neuen Mauer verändert sich auch die Struktur der Stadt. Die Vorstadt rund um die Georgskirche wird in die befestigte Innenstadt aufgenommen. Für die Bewohner bedeutet das mehr Sicherheit, aber auch mehr Verpflichtungen gegenüber der Stadtgemeinschaft.
Die Tore der Stadt
Die berühmten Amberger Stadttore sind die kontrollierten Schnittstellen zwischen dem sicheren Innen und der unsicheren Außenwelt.
Das Vilstor, benannt nach dem Fluss, der damals noch unmittelbar daran vorbeifloss – lange bevor die Vils im 20. Jahrhundert verlegt wurde. Händler, Flöße und Warenströme passieren hier täglich die Grenze zwischen Stadt und Umland.
Das Georgentor liegt damals nahe der gleichnamigen Kirche. Heute erinnert nur noch das Neutor an den Standplatz des „Originals“ – das Georgentor verschwindet im Laufe der Zeit im Zuge von Bauarbeiten der Jesuiten und wird schließlich durch das Neutor ersetzt.
Das Ziegeltor – benannt nach der städtischen Ziegelhütte vor der Stadt – das Nabburger Tor und schließlich das erste Wingershofer Tor ermöglichten im angemessenen Abstand den Zugang zur Stadt.
Nach dem „Amberger Aufruhr“ von 1454 wird es dem kurfürstlichen Schloss zugeschlagen und damit Teil der landesherrlichen Machtarchitektur. Denn Stadtmauern schützten nicht nur – sie sind damals auch Ausdruck politischer Ordnung.
Die Stadt wächst
Während die Mauern Amberg umschließen, wächst die Stadt innerhalb ihrer steinernen Grenzen weiter. 1417 beginnt der Bau des kurfürstlichen Schlosses, ein Zeichen dafür, dass die Stadt zunehmend politische Bedeutung gewinnt.
1474 wird in Amberg eine der prunkvollsten Hochzeiten des Spätmittelalters gefeiert: Kurprinz Philipp heiratet seine Margarete. Die sogenannte „Amberger Hochzeit“ – eine Art Generalprobe für die Landshuter Hochzeit verwandelt die Stadt für Tage in eine Bühne höfischer Pracht. An dieses Ereignis erinnert zum einen der Brunnen vor dem Rathaus, zum anderen alle zwei Jahre das Brunnenfest.
Nur wenige Jahrzehnte später, 1499, wird Amberg sogar zur Hauptstadt der Oberpfalz. Die Mauern haben ihren Zweck erfüllt: Aus einer kleinen Stadt war ein politisches Zentrum geworden.
Während sich draußen die Welt stetig verändert, Amerika entdeckt wird, bleibt innerhalb der Mauern vieles erstaunlich konstant: Märkte, Handwerk, Handel und kirchliches Leben bestimmen weiterhin den Alltag.
Zeiten des Glaubens und der Konflikte
Im 16. Jahrhundert erreicht die Reformation auch das katholische Amberg. 1517 beginnt mit Luthers Thesenanschlag eine Bewegung, die Europa verändern wird. 1554 erhält auch Amberg eine eigene lutherische Kirchenordnung.
Doch die religiöse Entwicklung bleibt nicht stabil: 1621 setzt die Rekatholisierung ein, wenige Jahre später entsteht das Jesuitengymnasium. Die religiösen Spannungen fallen in eine der schwierigsten Epochen der europäischen Geschichte: 1618 beginnt mit dem Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, ausgelöst nicht zuletzt durch die in Amberg gefallene Entscheidung des Pfälzer Kurfürsten, die böhmische Königskrone anzunehmen.
Die Amberger Mauern stehen zu dieser Zeit bereits seit fast drei Jahrhunderten. Sie haben Brände, politische Umbrüche und wirtschaftliche Höhen und Tiefen überstanden. Doch nun sieht sich Europa einer Katastrophe gegenüber, die ganze Landstriche entvölkert.
Und während 1626 der Niedergang des Bergbaus fortschreitet, bleibt Ambergs Stadtmauer weiterhin bestehen wird modernisiert, indem man sie ab 1630 mit Erdwällen und zusätzlich mit Bastionen umgibt. 1634 entsteht die Marienwallfahrt, begleitet vom Bergfest. Eine Tradition, die bis heute zum kulturellen Herz Ambergs gehört.
Vom Schutzbau zum stillen Zeitzeugen
Mit dem Ende des Mittelalters verändert sich auch die militärische Bedeutung der Stadtmauer. Kanonen und moderne Kriegsführung sind den altertümlichen Befestigungen überlegen. Doch während andere Städte ihre Mauern abreißen, bleibt die Amberger Mauer nahezu vollständig erhalten. Sie ist Zeitzeuge unzähliger Ereignisse:
Im Spanischen Erbfolgekrieg 1703 beschießen und besetzen österreichische Truppen die Stadt. Kurze Zeit darauf (1715) wird Amberg Garnisonsstadt. Erneut werden die Stadt und ihre Befestigung im Österreichischen Erbfolgekrieg 1745 Opfer eines Bombardements.
Die großen politischen Umwälzungen Europas ziehen ebenfalls vorbei: die Unabhängigkeit der USA 1776, die Französische Revolution 1789, das Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806. In den Wirren dieser Jahre flüchtet Kurfürst Max Joseph nach Amberg. Als eine Geste des Dankes schenkt er der Stadt die Festungswälle, die in den Folgejahren zu einer Allee umgestaltet werden.
Im 19. Jahrhundert verändert sich die Stadt erneut. Industrie entsteht, neue Arbeitsplätze werden geschaffen. 1801 wird die erste staatliche Gewehrfabrik Bayerns gegründet, später folgen Unternehmen wie die Emaillewarenfabrik Baumann oder die Luitpoldhütte.
Doch auch die Welt wird schneller. Eisenbahnen, Fabriken und neue Technologien prägen den Alltag. Die Stadtmauer bleibt unverändert.
Durch Krisen und Neuanfänge
Zwei Weltkriege erschüttern Europa. Der Ausbruch des Ersten 1914 und der damit verbundene Bau der Leopoldkaserne überdauert unsere Stadtmauer genauso wie das Ende 1918 und mit der Weimarer Republik die Entstehung der ersten Demokratie in Deutschland.
1945 wird Amberg kampflos an amerikanische Truppen übergeben – eine Entscheidung, die der historischen Altstadt größere Zerstörungen erspart.
In den Jahren danach wächst die Bevölkerung stark. Rund 12.000 Flüchtlinge finden nach dem Krieg eine neue Heimat im Amberger Ei. Gleichzeitig beginnt der wirtschaftliche Wiederaufbau. Unternehmen siedeln sich an, darunter 1948 auch Siemens.
Die Bundesrepublik entsteht, Deutschland wird geteilt, die westliche Welt rückt im Kalten Krieg zusammen.
Vom Bollwerk zum Wahrzeichen
Spätestens im 20. Jahrhundert verliert die Mauer endgültig ihre militärische Funktion. Sie wandelt sich von der Verteidigungsanlage zum historischen Denkmal.
Mit der Altstadtsanierung ab 1975 wird der Wert der historischen Substanz bekannt. Die Mauer wird zum historischen Kapital.
Heute gehen wir da spazieren, wo einst Wachen patrouillierten. Türme, die früher Pfeile und Geschosse abwehrten, sind heute beliebte Fotomotive und Wohnungen. Der ehemalige Schutzring ist zu einem grünen Gürtel geworden.
Stein, der Geschichte erzählt
Wer die Amberger Stadtmauer betrachtet, sieht auf den ersten Blick nur alte Steine. Aber sie ist weit mehr als das und Teil der Amberger Geschichte. Einer Geschichte, zu der im Jahr 1326 ein neues Kapital aufgeschlagen wird, und die bis heute nicht endet. Und wer durch eines unserer alten Stadttore geht, betritt nicht einfach nur die Altstadt. Er betritt – fast wie durch ein Portal – über 700 Jahre Stadtgeschichte.